Glücklicher ohne Hopium

Über die Hoffnung werden viele wunderbare Geschichten erzählt. Gerade ist eine uralte Geschichte wieder im Kino: Odysseus kehrt nach vielen Jahren Irrfahrt endlich heim zu seiner Penelope. Ein Klassiker der Weltliteratur, immer noch aktuell. Hoffnung macht Mut, und Mut macht Helden.

Heute reden wir von einer Odyssee, wenn unsere Bürokratie jemand von einem Amt zum nächsten schickt oder wenn Patient:innen erst beim x-ten Versuch jemand finden, der ihnen hilft. Bei allem Frust reicht die Hoffnung noch immer aus, um weiter zu suchen. Auch da wird am Ende das hartnäckige Dranbleiben belohnt.

Manchmal.


Die dunkle Seite der Hoffnung

Aber eben weil Hoffnung so gefragt ist in düsteren Zeiten, gibt es auch eine dunkle Seite der Hoffnung. Viele Politiker, die eine Wahl gewinnen wollen, reden die Gegenwart betont schlecht, um sich dann als Hoffnungsträger für die Zukunft ins Spiel zu bringen. Donald Trump verspricht ein goldenes Zeitalter, Helmut Kohl verhieß blühende Landschaften; und in England ist es gerade der neue Premierminister Andy Burnham, der bei seinen gefrusteten Landsleuten in großem Stil Hoffnung verbreiten möchte. 

Ich merke inzwischen: Je dicker aufgetragen der Zweckoptimismus daherkommt, desto mehr fühle ich mich wie ein Kleinkind behandelt. Traut man mir die Wahrheit nicht zu? Vielleicht ist mir deshalb der Buchtitel „Hoffnung ist Gift“ gleich ins Auge gesprungen, weil er zu so vielen Situationen passt, die ich erlebe:

Hoffnung ist Gift, denke ich mir, als die junge Angestellte mir erzählt, wie sie von ihrem Chef mit vagen Versprechen auf Gehaltserhöhungen und Beförderungen hingehalten wird. Es gibt stets einen neuen Grund, warum es diesmal nicht geklappt hat. Noch nicht, aber vielleicht beim nächsten Mal, wenn sie sich weiter reinkniet in die Arbeit. Hofft ihr Chef. Aber ihr geht die Hoffnung allmählich aus.

Hoffnung ist Gift, denke ich, als ich dem trauernden Ehemann zuhöre. Seine krebskranke Frau hatte es sich und der Familie verboten, über das Sterben zu reden. Von einem Arzt oder Heiler zum anderen sind sie zusammen gehetzt, monatelang. Bis es kaum noch möglich war, ein paar schöne Dinge zusammen zu machen und bewusst Abschied zu nehmen. 

Die Hoffnung, meint Friedrich Nietzsche, ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert. Was wird jetzt aus uns, die auf eure Hoffnung hereingefallen sind? What about us?

Das ist die dunkle Seite der Hoffnung: Die rosa Brille, die billigen Illusionen, das Vertrösten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. „Hopium“ heißt so etwas auf Englisch. Also Hope und Opium verbunden. Hoffnung als Droge und Betäubungsmittel. Sie dämpft den Schmerz und benebelt das Hirn.


Warten auf das Wunder

Die alten Griechen kannten nicht nur die Odyssee. Im Theater erlebten sie den Auftritt des „Deus ex Machina“, den „Gott aus der Maschine“: Mit Hilfe einer Hebevorrichtung erscheint da eine Gottheit auf der Bühne und greift in die menschlichen Dramen ein, die sich dort abspielen. Aus heiterem Himmel. Ein Wunder ändert den Lauf der Dinge. 

Diese Wundergläubigkeit gibt es immer noch. Besonders populär ist der Deus ex Machina in den Märchenerzählungen der Fortschrittsoptimisten und Technokraten. Eines Tages wird eine neue Erfindung wundersam alle Probleme  lösen: Die KI, die Kernfusion, die Gentechnik, der „hocheffiziente Verbrenner“, das Geo-Engineering. Oder wir ziehen einfach um auf einen anderen Planeten. Und deshalb müssen wir heute nichts ändern. Nicht umsteuern, nicht bremsen, einfach nur weiter Vollgas geben. Da ist vom Deus Ex nur die „Machina“ übrig geblieben. Von der Maschine erhofft man sich das Wunder – aber der Wunderglaube bleibt schwindelerregend.

Ich würde an dieser Stelle jetzt gern sagen, dass wir Kirchen- und Christenmenschen mit Hoffnung besser umgehen. Glaube, Liebe, Hoffnung – das sind ja unsere Kernthemen. 

Aber genau da liegt vielleicht das Problem, dass wir uns zu sehr dafür verantwortlich fühlen, Hoffnung zu liefern. Zwei Erlebnisse haben mir das deutlich gemacht:

Vor einer Weile wurde in meinem näheren persönlichen Umfeld jemand viel zu früh aus dem Leben gerissen. Mich hat das ziemlich mitgenommen. Und es hat mir überhaupt nicht geholfen, wie der Kollege, der die Trauerfeier hielt, gleich zu Beginn schon anfing, von der Auferstehung der Toten zu reden. Damit ließ er mir keine Zeit, erst einmal den Schock und die Tragik des Augenblicks ein bisschen sacken zu lassen. Ich dachte beim Zuhören: Das ist ja alles irgendwie richtig, aber das Timing stimmt nicht. Man kann mit der Hoffnung zu schnell um die Ecke kommen. Manchmal ist jemand untröstlich. Und dann darf er oder sie das auch sein. Mir fällt ein Satz von Dietrich Bonhoeffer ein:

Nur wenn man das Leben und die Erde so liebt,
dass mit ihr alles verloren und zu Ende zu sein scheint,
darf man an die Auferstehung der Toten und eine neue Welt glauben.

Und dann erinnere ich mich sehr gut daran, wie die Klimaproteste der „Letzten Generation“ sich zugespitzt haben. Als junge Menschen plötzlich anfingen, sich auf Straßen zu kleben. Sie haben gehofft, dass es noch gelingt, die coronamüde Öffentlichkeit aufzurütteln, und haben dafür Anfeindungen, Schmerzgriffe der Polizei und unerbittliche Verfolgung durch die Justiz in Kauf genommen. Heute wissen wir: Hätten sie Kreuzungen und Autobahnen mit Traktoren statt mit Sekundenkleber lahmgelegt – und gefordert, dass alles bleibt, wie es ist –, wäre ihnen nichts passiert. Damals schlugen die Wogen der Empörung hoch. Und leider haben auch eine ganze Reihe von Kirchenleuten die ungestümen Aktionen als Ausdruck von Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit kritisiert. Und dem eine „christliche Hoffnung“ entgegengesetzt, die alles Düstere, Alarmistische oder Apokalyptische vermeidet. Harmlose Hoffnungsbilder aus der Kinderbibel wie Noahs Regenbogen werden stattdessen ausgepackt. Ich glaube, die reichen nicht.

Viele solche gut gemeinten, aber eben vagen und schwammigen Bekundungen sind im Grunde Beschwichtigungen: „Es wird schon nicht ganz so schlimm kommen, wie es derzeit den Anschein hat. Lasst uns um Himmels willen positiv bleiben.“ Aber was ist das anderes als frommes Wunschdenken – Hopium? 

Eher Bequemlichkeit und Konfliktscheu als echtes Gottvertrauen, oder? Sind wir am Ende deswegen so flott mit dem Trostpflaster der Hoffnung zur Stelle, weil wir Angst haben, dass wir der Trauer, der Wut, dem Leid und dem immer größeren Berg an ungelösten Fragen nicht gewachsen sind? 

Vielleicht braucht die Hoffnung eine Pause, Bedenkzeit. Vielleicht brauchen wir ein Hoffnungsmoratorium. Und müssen so lange von der Hoffnung schweigen, bis sie uns nicht mehr so geschmeidig über die Lippen kommt. Vielleicht müssen wir als Kirche den Anspruch an uns selbst aufgeben, immer schon Hoffnungsträger zu sein und nie verzweifelt. Vielleicht darf es immer wieder einmal so aussehen, als wäre alles verloren und zu Ende.


Dunkle Zeiten und blinde Flecken

 Eine Geschichte über den Traum vom Deus Ex Machina erzählt auch die Bibel. Die Menschen in Jerusalem haben schon erlebt, dass Gott ihre Stadt vor dem Untergang bewahrt. Sie fangen an zu glauben, dass Jerusalem unantastbar ist. Immerhin steht dort ja Gottes Tempel. Und der garantiert wie eine Art Talisman, dass Gott seine heilige Stadt nicht fallen lässt. Auch dann nicht, wenn sein auserwähltes Volk sich verantwortungslos verhält und alle Warnungen in den Wind schlägt. 

Eines Tages schickt Gott den Propheten Jeremia an das Tor zum Tempel, um ein paar Dinge klarzustellen. Jeremia hat keine Lust darauf, er hält sich für zu jung. Aber dann geht er doch. Gott sagt zu ihm: 

Stell dich an das Tor des Hauses des Herrn! Dort ruf dieses Wort aus und sprich: Hört das Wort des Herrn, ganz Juda, alle, die ihr durch diese Tore kommt, um dem Herrn zu huldigen. So spricht … der Gott Israels: Bessert euer Verhalten und euer Tun, dann will ich bei euch wohnen hier an diesem Ort. Vertraut nicht auf die trügerischen Worte: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier! 

Ein Tempel schützt nicht vor selbstverschuldeten Katastrophen, sagt Jeremia, und erinnert an das zerstörte Heiligtum in einer anderen Stadt. Wenn ihr euch darauf verlasst, seid ihr verloren. Gott ist kein Deus ex Machina, er kommt nicht auf Knopfdruck. Und ihr seid nicht unantastbar. Aber das können sich die Leute in Jerusalem nicht vorstellen. 

Bis es passiert. Bis Jerusalem verwüstet wird von der Großmacht Babylon und die Überlebenden verschleppt werden. 

Aus der Traum. Stumme Verzweiflung, bittere Klage, zähneknirschende Rachephantasien bleiben übrig. Es wird Jahre dauern, bis sich die Hoffnung wieder regt. Bis dahin schweigen die Harfen, wie im 137. Psalm:

An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Wir hängten unsere Harfen an die Weiden in jenem Land. Dort verlangten unsere Bewacher […]: «Singt uns Lieder vom Zion!» 

Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn, fern, auf fremder Erde?

Auf dem Grund meiner Tränen, auf der Rückseite meiner Ängste, mittendrin in meinem Schmerz höre ich mich deinen Namen rufen. Mitten in dieser Nacht, diesem Ozean der Finsternis, ist es dunkel genug, dass ich die Sterne sehen kann. So klingt ein moderner Psalm von Mary Gauthier. Sie singt von einer Erfahrung am absoluten Nullpunkt. Sie beschönigt nichts, und gerade deshalb klingt sie hoffnungsvoll. Dark enough to see the stars – dunkel genug, die Sterne zu sehen.

Die Unfähigkeit, sich die eigene Zerstörung vorzustellen, sei der blinde Fleck einer jeden Kultur, schreibt der Psychoanalytiker Jonathan Lear. Lear ist Jude und hat bei Jeremia, der auf diesen blinden Fleck aufmerksam macht, etwas entdeckt, was uns heute weiterhelfen kann.

Der blinde Fleck – das ist die Stelle in meiner Netzhaut, wo die Sehnerven zum Gehirn abgehen. Eigentlich müsste da eine dunkler Punkt im Bild erscheinen, aber mein Gehirn vertuscht den Bildausfall mit einer eleganten Illusion. Beim Selbstbild funktioniert es ganz ähnlich: Die Flecken und Störungen kann ich unter Umständen so gründlich ausblenden, dass ich vergesse, was ich vertusche. 

Die blinden Flecke einer Kultur sind die unbequemen Wahrheiten und schmutzigen Geheimnisse, die wir kollektiv leugnen und verdrängen. Zum Beispiel, dass wir unseren Wohlstand nicht nur harter Arbeit und Disziplin verdanken, sondern auch der Ausbeutung von Menschen in anderen Weltregionen und der Plünderung der Erde. Oder dass grenzenloses Wachstum auf einem begrenzten Planeten auf Dauer nicht funktionieren kann. In den ratlosen Reaktionen auf verbrannte Wälder und ausgetrocknete Flüsse zeigt sich gerade, dass wir uns ein Ende der Welt problemlos vorstellen können. Aber das Ende des Konsumkapitalismus, der uns das alles eingebrockt hat, ist für die allermeisten unvorstellbar.

Schon 1972 hat der Club of Rome diesen blinden Fleck erkannt. Die Wissenschaftler:innen haben vorhergesagt, dass die Erde, wenn alles einfach so weitergeht, Mitte der 2020er Jahre – also jetzt – überlastet ist. Und wenn das eintritt, könnte die globale Zivilisation bis 2040 zusammenbrechen. Nicht unbedingt mit einem großen Knall, eher wie ein ständig zunehmendes Bröckeln.


Ein Traum, ein Baum und eine Meise
Den eigenen Untergang zu denken, das braucht Mut. Und es ist der erste Schritt zu einer radikalen Hoffnung, sagt Jonathan Lear. Er  entdeckt ihn wieder, als er die erstaunliche Geschichte der Crow erforscht, eines indianischen Volkes in Nordamerika. Da hört er von einem kleinen Jungen. „Plenty Coups“ heißt er.

Im Alter von neun Jahren hat Plenty Coups einen prophetischen Traum. Die Büffelherden verschwinden darin spurlos und das Milchvieh der weißen Siedler bevölkert die Prärie. Dann sieht er sich selbst als alten Mann vor einem Wald sitzen. Die Bäume sind alle umgerissen. Nur ein Baum hat überlebt. Eine menschliche Gestalt erscheint und ermahnt ihn: Nimm dir die Meise zum Vorbild. Die Meise ist klein und klug. Sie hört aufmerksam zu und lernt von den anderen, die ihr überlegen sind.

Er erzählt seinen Traum den Stammesältesten. Es ist ein bisschen wie beim zwölfjährigen Jesus im Tempel. Die Crow glauben an einen gütigen Schöpfergott, der dem Gott Israels in vielem ähnlich ist. Was sie von Plenty Coups hören, bestätigt ihre düstersten Ahnungen. Aber es zeigt ihnen auch einen Weg durch Katastrophe und Untergang hindurch. Der Stamm erkennt diese Botschaft als echt an. 

Eine gewaltige Leistung der Crow, denke ich mir: Welcher Stadtrat, welcher Kirchenvorstand, welcher Aufsichtsrat hier bei uns würde einem Neunjährigen auch nur eine Minute lang zuhören? Wer hätte den Mut und die Größe, weitreichende Entscheidungen auf so ein Gespräch zu gründen und das auch noch gegen Kritik zu vertreten?

Es kommt wie im Traum vorhergesagt: Die Bisons werden ausgerottet. Die stolzen Jäger und Krieger werden in Reservate gepfercht. Auf ihrem Land machten sich unter dem Schutz der Armee weiße Siedler breit. Immer wieder brechen die Eindringlinge ihre Versprechen. Niemand zieht sie zur Rechenschaft.

Unter der Führung von Plenty Coups – er wird später Häuptling der Crow – bewältigen sie diese Katastrophe vergleichsweise unblutig, geschlossen und gut organisiert. Sie behalten einen wesentlichen Teil ihres Gebietes. Das gewaltsame Ende ihrer Lebensweise, sagt Jonathan Lear, hat die Crow nicht gebrochen, weil sie sich darauf vorbereitet hatten in radikaler Hoffnung. Das Bild von der klugen Meise half ihnen, sich in einer veränderten Welt zu orientieren und neu zu erfinden. Die Nacht war stockdunkel, aber die Sterne standen hell am Himmel. 

Radikale Hoffnung. Bei den Crow, bei Jeremia. Radikale Hoffnung ist ein Geschenk. Ich kann sie nicht schon vorab besitzen, konservieren und im Ernstfall dann aus der Tasche ziehen. Ich finde sie nur da, wo ich meine gewohnte Lebensweise, meine Identität, meine Privilegien nicht krampfhaft festhalte.

Besser ausgedrückt: Die radikale Hoffnung findet uns. Da, wo ein Neunjähriger (oder ein Neunzehnjähriger wie Jeremia, oder vielleicht eine Neunzigjährige) unsere Selbstverständlichkeiten in Frage stellen darf und Gehör findet. Wo wir in einer zunehmend instabilen Welt all die Katastrophen und die Verzweiflung, nicht ausblenden oder gedanklich überspringen, sondern sie gemeinsam durchstehen.

Die jüdischen Propheten sagen den Leuten, die ins Exil nach Babylon ziehen, nicht „Halb so schlimm, in 70 Jahren ist alles vorbei.“ Aber als Jahre später sich kaum noch jemand vorstellen kann, dass es eine Rückkehr gibt, da malen sie diese radikale Hoffnung in leuchtenden Farben für alle aus.

Ich will kein Hopium. Ich möchte wissen, wann es ernst wird. Ich möchte wach sein, wenn die echte Hoffnung aus irgendeiner Ritze gekrochen kommt, weil sie sich zu mir durchgebissen hat. Dann kann und will ich radikal hoffen. 

Aber schon jetzt spüre ich, und viele andere auch, eine Erleichterung darüber, dass die trügerische Hoffnung passé ist. Dass wir miteinander über den möglichen Kollaps reden und nachdenken können. 

Denn das Verdrängen kostet so wahnsinnig viel Kraft. Und beim Versuch, all das Beängstigende auszublenden, verliere ich den Kontakt zur Wirklichkeit. Wenn ich mich dagegen der schmerzhaften Wahrheit stelle, dann spüre ich auch all das Schöne und Gute wieder und kann mich daran freuen. Und für andere da sein, die meine Hilfe brauchen. 

Vor ein paar Tagen haben wir im Gottesdienst über all das gesprochen, was ich hier schreibe. Ich blickte in viele ernste Gesichter. Am Ende kommt eine ältere Frau auf mich zu, lächelt mich an und sagt: „Wir haben immer noch den Glauben und die Liebe.“ 

Wie wahr, denke ich. Die Meise von Plenty Coups hätte es nicht schöner singen können.

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Was schweigende Mehrheiten sich denken

im Augenblick fragen sich viele Menschen, wie es sein kann, dass die vielen Hitzetoten, die brennenden Wälder und die ausgetrockneten Flüsse von der überwältigenden Mehrheit achselzuckend hingenommen werden. Weshalb die Vertreter der Bundesregierung es sich auch leisten können, dazu zu schweigen und nichts zu unternehmen.

Ein Gespräch gestern hat mir geholfen, das zu verstehen. Ich wartete an einer Autowaschanlage darauf, dass die dicke Partina von meinem Kleinwagen verschwindet. Hinter mir stand ein Mensch mit einem schwarzen Mercedes Roadster. Der sah eigentlich blitzsauber aus, sein Fahrer beharrte aber darauf, dass er gewaschen gehört.

Ich sagte zu ihm: Na, wenigstens warten wir hier im Schatten. Er antwortete, eigentlich seien ihm die 30+° heute lieber als solche Sommer mit 15° und Regen. Ich erwiderte, dass es solche Sommer ja schon lange nicht mehr gibt. Er fand, der letzte Sommer, der sei viel zu kalt gewesen. Ich hielt dagegen, dass auch der Sommer 2025 deutlich (fast 1°) über dem langjährigen Mittel lag. Aber offenbar haben sich die paar kühlen und verregneten Tage bei ihm stärker ins Gedächtnis eingeprägt als die warmen und trockenen.

Kann sein, sagte er, man merkt sich ja oft besser, was einen stört. Aber 2003 sei der Sommer heiß gewesen, das wisse er noch. Ich sagte, dass fast alle Sommer in diesem Jahrtausend deutlich über dem bisherigen Schnitt lagen. Und dass wir in diesem Sommer schon fast 12.000 Hitzetote hatten.

Mein Gegenüber wandte ein, da seien doch wohl auch Vorerkrankungen im Spiel gewesen. Ja, sagte ich, aber dann war es die Hitze, die ihnen den Rest gegeben hat. Die wären aber trotzdem früher oder später gestorben, bekam ich zu hören. Kranke Leute sterben doch ständig irgendwo. Vielleicht hat es ihr Leiden ja auch verkürzt.

Ich erklärte, dass die Statistiken zur Übersterblichkeit einen klaren Zusammenhang mit der Hitze aufwiesen und dass an den heißen Tagen bis zur doppelt so viele Menschen gestorben waren, wie normal. Anders gesagt: Dieses kontinuierliche Sterben an all den anderen Ursachen erklärt die Häufung an den heißen Tagen nicht. Die allermeisten hätten noch Monate, vielleicht Jahre gelebt.

Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast, sagte der Mercedesfahrer augenzwinkernd. Oder keiner, deren Ergebnis dir nicht passt, gab ich zurück und zwinkerte ebenfalls.

An der Stelle war die Autowäsche beendet, und wir verabschiedeten uns freundlich.

Der Gedanke, dass es nicht so schlimm sei, wenn ein paar Alte und Kranke den Löffel abgeben, ging mir noch eine ganze Weile nach. Mit dieser Logik lässt sich praktisch jede Form von Vernachlässigung im Gesundheitssystem und der Pflege rechtfertigen.

Diese indirekte Vernachlässigung durch Abschreiben und Wegsehen ist, anders als die direkte, nicht strafbar. Aber sie trägt ihre Strafe mittelbar in sich selbst. Denn das Abstumpfen, das sie befördert und beschönigt, kann jeden treffen.

Das Ganze wird jetzt als ein tragisches, aber unabwendbares Schicksal hingestellt. Denn wenn es das ist, dann ist niemand verantwortlich. Niemand kann zur Rechenschaft gezogen werden.

Thomas Metzinger schreibt in „Bewusstseinskultur“ davon, dass im Blick auf die Krisen unserer Zeit viele so tun, als schliefen sie. Dass man aber Leute, die vorgeben zu schlafen, nicht aufwecken kann.

"Ich meine die privilegierte Gruppe, die weiterhin heimlich Klimaleugner-Parteien wählt, wenn es ihren individuellen Interessen dient; die, bevor es zu spät ist, schnell noch einen SUV kauft oder eine Ölheizung installiert und ansonsten den Kopf so lange wie möglich in den Sand steckt. Diese Gruppe versucht einfach, sich so lange dumm zu stellen, wie es irgend geht, in der unausgesprochene Hoffnung, irgendwann später, gerade noch rechtzeitig, dem allgemeinen Trend zur ökologischen Umkehr folgen zu können."

Wenn sie sich da mal nicht verrechnet haben…

Foto: Immo Wegmann, unsplash.com

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Dieser Hochsommer klingt anders

Es ist ungewöhnlich leise draußen. Die Mauersegler haben schon den Weg zurück nach Afrika angetreten. Die Mönchsgrasmücke haben wir schon länger nicht mehr gehört, ebenso die Meisen, den Grünspecht, das Rotkehlchen, die Amsel. Ab und zu tönt in der Ferne noch eine Ringeltaube oder eine Elster. Aber der laute Spatzenschwarm, der in der Hecke der Nachbarn seine Nester hatte, ist verschwunden. Wasser stellen wir ihnen jeden Tag raus. Finden sie hier kein Futter mehr?

Es ist schon ein bisschen gespenstisch, diese Stille.

Zugleich macht sich ein anderes, nervtötendes Geräusch breit. In der Wohnanlage gegenüber sind seit drei Wochen fast täglich und über mehrere Stunden Laubbläser im Einsatz. Denn Bäume und Büsche werfen schon im großen Stil ihre trockenen Blätter ab. Der Krach ist schon im Oktober eine Zumutung, aber im Hochsommer alle Fenster schließen zu müssen, um hier drinnen noch irgendwie denken und arbeiten zu können, ist ein bitterer Vorgeschmack auf die Klimahölle der kommenden Jahrzehnte.

Jetzt ist Freitag, bis Montag ist Bläserpause. Dafür wird am Wochenende die stattliche Motorsportfraktion den Stadtteil ausgiebig beschallen. Das ist nicht weniger gespenstisch, denn unsere Liebe zu Verbrennern aller Art hat in jahrzehntelanger Arbeit die Dürre erst möglich gemacht.

Aber für manche ist das Aufheulen von Motoren ja wie Musik in den Ohren. Die zarten Vogelstimmen vermissen nur wir anderen.

(Foto: Laura Ockel auf unsplash.com)

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Egozentrik oder Geozentrik?

Ich habe kürzlich noch einmal einen TED-Talk (s.u.) angeschaut, in dem es eigentlich um Sprache geht. Dort erzählt die Referentin von einem Aborigines-Stamm, dessen Sprache keine Worte für rechts und links hat. Alle Orientierung erfolgt in Himmelsrichtungen. Statt „dein rechter Fuß“ würden sie zum Beispiel sagen „dein nordwestlicher Fuß“.

Rechts und links – da mache ich mich zum Mittelpunkt oder Ausgangspunkt aller Orientierung. Eine „egozentrische“ Welt. Die Aborigines in dieser Geschichte haben eine „geozentrische“ Orientierung. Und da fällt mir auf, dass die Himmelsrichtungen ja eigentlich „Erdrichtungen“ sind.

Wenn die Erde die Matrix liefert, in die wir alles eintragen, dann wirkt sich das auf allen Ebenen aus. Wir Europäer können rechts und links sagen – und das ist auch lebenswichtig, wenn ich aufs Fahrrad steige – aber unser menschlicher Körper ist darüber zum Maß aller Dinge geworden. „Der Mensch steht im Mittelpunkt“ gehört zum Credo jeder anständigen Firmenphilosophie – aber irgendwie auch zum Hintergrund unserer ökologischen Katastrophen.

Und dann fällt mir mein Hebräischkurs wieder ein. Da habe ich vor Ewigkeiten gelernt, dass der Name „Benjamin“ entweder „Sohn zur Rechten“ (das wurde später als „Ehrenplatz“ gedeutet) oder aber„Sohn im Süden“ heißen kann. Wenn jemand nach Osten schaut, sich also orientiert, dann sind Süden und rechts dasselbe. Es scheint so, als wäre die Himmels-/Erdrichtung die ursprüngliche Bedeutung und die Körperrichtung kam dann als sekundäre Bedeutung dazu.

Die Orientierung an der Erde. Wenn ich an einem neuen Ort bin, bin ich innerlich immer unruhig, bis ich wieder weiß, wo Norden, Süden, Osten und Westen sind. Bis ich mich an und in der Landschaft orientiert habe. Der Aborigene oder der Hebräer in mir braucht das.

Aber um eine geerdete Grammatik für unsere Gespräche über das richtige und gute Leben auf dem gestressten Planeten müssen wir ringen. Der Spätkapitalismus hat sich längst von der Erde gelöst und alle Orient:ierung aufgegeben. Nun fehlen uns wichtige Begriffe und Kategorien in der öffentlichen Dikussion, und das beeinträchtigt die Verständigung ganz massiv.

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Das Luxus-Paradox

Ich suche ein neues Fahrrad und stöbere im Netz. Wenn ich dreihundert Euro mehr ausgebe, dann bekomme ich ein Rad, das ein paar hundert Gramm leichter ist. Verlockend, wer will schon unnötiges Gewicht den Berg hinauf wuchten? 

Das teurere Rad ist leider auch für Diebe interessanter. Ich brauche also ein sehr robustes Schloss, oder vielleicht auch zwei meint ein Fahrrad-Ratgeber. Aber Moment – die sichersten Schlösser sind doppelt so schwer, wie das bessere Rad leichter ist. 

Na, dann entscheide ich mich für das günstigere Rad und ein leichteres Schloss: Gleiches Gesamtgewicht und noch Geld gespart. Für Luxus zahlt man eben doppelt: Den Preis, den es ohnehin kostet, und dann nochmal für Versicherungen, Alarmanlagen und was sonst nötig ist, damit ich meine schönen Sachen sorglos genießen kann.

Das gibt es auch in ganz groß: Die aktuelle Hitzewelle haben wir uns eingehandelt, weil wir – die Mittel- und Oberschicht – beim Konsum und Wirtschaften, beim Reisen und Wohnen viel zu lange nicht vom Gas gegangen sind. Sie kostet uns in Deutschland bis 2030 voraussichtlich 120 Milliarden Euro. Die Klimaschäden fressen das Wirtschaftswachstum. An dem schönen Rad hängt ein schweres, klobiges und hässliches Schloss.

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Internationaler Asteroiden-Tag

Heute, am 30. Juni, ist der internationale Asteroiden-Tag. Ich hätte es wahrscheinlich überlesen, wenn ich nicht kürzlich erst über einen Bericht gestolpert wäre, dass ein Asteroid entdeckt wurde, der in sieben Jahren auf dem Mond einschlagen könnte.

Wenn es dazu käme, würden eine Menge Trümmer ins All geschleudert. Auf der Erde würden massenweise Meteoriten niedergehen. Und es könnten ziemlich viele Satelliten und die Internationale Raumstation ISS schwer beschädigt werden.

Das Problem ist, dass wir noch nicht genau wissen, dass es dazu kommt. Wir müssten allerdings jetzt schon anfangen, etwas zu unternehmen, um diesen Fall zu verhindern. Danach sieht es allerdings nicht aus.

Ich erzähle das nicht, um Angst zu verbreiten. Vielleicht geht es ja gut. Aber weil die meisten Menschen (und erst recht die meisten Politiker) uns nicht als Erdlinge sehen, sondern als Deutsche oder Schotten oder Kap-Verdier, arbeiten wir auch nicht gut zusammen.

„Erdling“ ist die beste Übersetzung des biblischen „Adam“, Mensch. Der Asteroidentag erinnert uns wieder daran, dass die eine Erde so viel wichtiger ist als irgendeine Nation, egal welche.

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Vom Zauber des Zeitstaubs

Ich öffne die Haustüre und bleibe einen Augenblick zwischen den Büschen und Bäumen im Vorgarten stehen. Mein Blick wandert hinaus auf die Straße. Ich entdecke gelbe Ränder im Rinnstein und an den Pfützen – oder da, wo kürzlich noch Pfützen waren. Auf den Autos hat sich eine goldene Staubschicht abgesetzt. Und auf unseren Fenstern. Oh, und auf meiner Brille auch. So richtig sichtbar wird der Staub oft erst dann, wenn ich versuche, ihn abzuwischen. Dann gibt es Streifen und Schlieren.

Es ist Frühling – Blütezeit. Kirschen und Äpfel sind schon durch, aber Fichten und Kiefern legen jetzt erst richtig los. Wenn bald Gräser und Getreide dazu kommen, werden meine Augen ein bisschen jucken und es wird in der Nase kitzeln. Nicht nur da draußen. Der feine Staub kommt überall hin. Ich trage ihn in meinen Haaren und meiner Kleidung nach Hause. 

Das ist ja auch das Schöne am Blütenstaub: Er kommt wirklich überall hin. Weil die Pflanzen ihn in so verschwenderischen Mengen abgeben, findet er auch auf große Entfernungen noch sein Ziel. Er trübt nicht den Himmel ein wie Saharastaub, er schädigt den Organismus nicht wie Feinstaub. Gut, für Allergiker ist es zeitweise anstrengend. Aber Blütenstaub in der Luft garantiert eben auch, dass in den Gärten, auf den Felder und im Wald neues Leben wächst.

Zeitstaub

Und jetzt, gerade in diesem Moment, fliegt er wieder durch die Luft. Und noch ein anderer Staub ist unterwegs, unsichtbar: Zeitstaub. Nein ich meine nicht den, der sich im Lauf der Zeit auf Büchern und Möbeln ansammelt. 

Der Zeitstaub ist eine Entdeckung der Französin Madeleine Delbrêl – einer Meisterin der Alltagsmystik. Zeitstaub macht nicht krank und löst keine Allergien aus. Und er hat mit dem Beten zu tun.

Betet! Diese Aufforderung findet sich öfter in der Bibel. Einmal lautet sie sogar, ganz schön ambitioniert, „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thessalonicher 5,17) 

Ich schlucke erst mal: Wie soll das gehen? Den ganzen Tag mit gefalteten Händen herumsitzen und Gott ein Ohr abkauen, das kann ja wohl kaum gemeint sein. Auch damals hatten die Menschen alle Hände voll zu tun. 

Dass für Däumchendrehen keine Zeit ist, weiß auch Madeleine Delbrêl. Sie weiß aber auch, dass zu dem Appell, unablässig zu beten noch ein anderer Satz gehört: „Freut euch zu jeder Zeit!“. Beten soll keine ermüdende Pflichtübung sein. sondern eine Kraftquelle. Und für beides, die Freude und das Beten, gibt es den Zeitstaub:

„In das beschäftigtste, umtriebigste Leben dringen aber doch, wie feiner Staub, leere Zeitteilchen ein […] Wenn wir behaupten, Beten sei unmöglich, so müssen wir uns auf die Suche nach diesem Zeitstaub machen und ihn so, wie er ist, verwerten.“

Wenn uns beim Beten unsere Maßstäbe und Ideale in die Quere kommen, hat die Freude es schwer. Madeleine Delbrêl spürt: Wenn ich mich mit Vollzeitchristen – also Ordensleuten oder Pfarrpersonen – vergleiche, schneide ich selten gut ab. Sich selbst und die Menschen um sie her nennt sie „die Leute von der Straße“. Diese „Normalos“ sind nicht weniger heilig oder interessant für Gott. Ganz selbstbewusst kann sie sagen:

„Wir anderen, wir Leute von der Straße, sind ganz sicher, dass wir Gott so sehr lieben können, wie er Lust hat, von uns geliebt zu werden. […] Wir denken, dass wir, wenn wir für Gott ganz kleine Dinge tun, ihn ebenso lieben können wie mit großen Aktionen. Im Übrigen halten wir uns für schlecht informiert, was das Format unserer Taten angeht. Wir wissen bloß zweierlei: zum einen, dass alles, was wir tun, nur klein sein kann; zum anderen, dass alles, was Gott tut, groß ist. Das beruhigt uns angesichts dessen, was zu tun ist.

Weil wir die Liebe für eine hinreichende Beschäftigung halten, haben wir uns nicht die Mühe gemacht, unsere Taten nach Beten und Handeln auseinanderzusortieren.“

Der Zeitstaub hängt sich in die Fasern des Alltags, von dem er nicht zu trennen ist. Ein feines Geflecht entsteht, in dem das Beten ins Tun und das Tun ins Beten übergeht. Alles, was wir tun können, ist nur Kleinkram, sagt sie. Nichts Besonderes. Pillepalle. Aber man nie wissen,  was aus diesem heiligen Pillepalle noch alles wird, wenn sich unser Kleinkram mit Gottes Möglichkeiten verbindet. 

Die Menge macht’s – nicht unbedingt 

Das Bild vom Zeitstaub erinnert mich an ein bekanntes Selbsthilfe-Buch für Manager. Dort erzählt der Autor von einem Professor, der seinen Studierenden einen großes, leeres Glas präsentiert. Dann nimmt er große Flusskiesel und füllt sie hinein. Als er fertig ist, fragt er in die Runde, ob das Glas jetzt voll sei. Die Studis nicken. Da holt er einen Krug mit kleinen Schottersteinchen und schüttet die ins Glas. Sie verteilen sich in den Zwischenräumen. Als der Schotter bis zum Rand reicht, fragt er nochmal, ob das Glas nun voll sei. Wieder lautet die Antwort ja. Der Professor wiederholt die Prozedur noch zweimal – erst mit Sand, dann mit Wasser. Am Schluss passt wirklich gar nichts mehr hinein. 

Die ursprüngliche Pointe an der Geschichte vom vollen Glas lautet, dass man die großen Steine zuerst ins Glas legen muss. Wenn erst mal lauter Wasser und Sand drin sind, passen sie nicht mehr rein. Ich muss also Prioritäten setzen. Und ich mache das richtig, wenn ich nicht die dringenden Sachen zuerst einplane (die drängen sich von selbst auf), sondern die wichtigen: First things first.

Eine ganze Reihe Freunde und Bekannte haben sich das zu Herzen genommen und feste Zeiten für das Gebet in ihren Tag eingeplant: Früh am Morgen, vor dem Schlafengehen, in der Mittagspause oder gleich nach der Arbeit. Martin Luther soll ja mal gesagt haben, er betet jeden Morgen eine Stunde. Und wenn ganz viel los ist, dann zwei Stunden.

Bei vielen hat das so mittel funktioniert, das Beten als großer Stein, als „first thing“, als die besondere Zeit. Vielleicht auch, weil dabei oft die Quantität – also die Dauer, womöglich noch in Stunden – im Mittelpunkt steht. Statt sich zu freuen, dass es ab und zu gelingt und gut tut, haben viele ein schlechtes Gewissen, dass sie es mindestens so oft nicht schaffen. Aber wenn ich jemand gegenüber ein schlechtes Gewissen habe, weil ich befürchte, dass ich seine oder ihre Erwartungen nicht erfülle, dann freue mich nicht auf die nächste Begegnung, sondern gehe der Person aus dem Weg. 

Das Bild vom Zeitstaub hat mir geholfen, die Sache anders zu sehen. Madeleine Delbrêl war Sozialarbeiterin im sozialen Brennpunkt; sie wusste genau, dass ich nur ganz begrenzt bestimmen kann, was ich heute mache. Ich habe Verpflichtungen – beruflich, familiär, gesellschaftlich. Andere verlassen sich auf mich oder sind von mir abhängig – Kinder, pflegebedürftige Angehörige, Nachbarn und Bekannte, die gerade in der Krise stecken. Anders gesagt: Jeden Tag plumpsen, ob ich will oder nicht, etliche dicke Klopse in mein Glas. Große Frei- oder Spielräume haben Seltenheitswert. Das ist anstrengend und oft frustrierend. 

Zum Glück ist da noch der Zeitstaub. Wie der Sand oder das Wasser im Glas des Selbsthilfe-Professors passt der in jede noch so kleine Ritze. Und weil es eine ganze Menge von denen gibt, steht auch eine Menge Zeitstaub zur Verfügung – jeden Tag wieder. Kleine Momente, in denen ich einen Schritt zur Seite treten kann, durchatmen, und Kontakt aufnehmen mit Gott. 

Dass Gott allgegenwärtig ist – immer und überall da – das sagt sich leicht. Aber oft geht mir in der Hektik des Alltags das Gespür dafür verloren. Mag ja sein, dass er da ist, aber ich merke nichts davon, weil ich in diesem Augenblick nicht da bin. Ich bin im Kopf in der Zukunft, bei Zielen, Sorgen und (was für ein verräterisches Wort!) Deadlines, oder in der Vergangenheit bei dem, was alles an innerem Lärm noch nachklappert. Manchmal bin ich meilenweit weg, total abwesend und überhaupt nicht präsent. Der Alltag rauscht an mir vorbei. Ich funktioniere. Und versuche zugleich, auch meine Umgebung funktionieren zu lassen – indem ich sie kontrolliere, manage und mir zu nutze mache. Das viele Müssen und Tun lässt kaum noch Platz für das Einfach-So-Sein. 

Gott sei Dank für den Zeitstaub. Die Momente, in denen ich nicht produktiv sein und liefern muss. In denen ich die Augen nicht auf die vielen Bälle richte, die ich in der Luft halte. Und wenn ich dann alles mal sein lasse und auch selber einfach mal da bin, dann wird – nicht immer, aber erstaunlich oft – vieles kinderleicht. 

Alltagsgebete

Auf der Suche nach dem Zeitstaub in meinem Leben habe ich einen kleinen Schatz entdeckt:Die „Carmina Gadelica“ – Gedichte, Gebete und Lieder der Menschen auf den äußeren Hebriden. Von Menschen, die sehr bescheiden lebten und alte Bräuche über viele, viele Generationen hinweg weitergaben. Vor gut 100 Jahren hat man sie dann gesammelt und aufgeschrieben. 

Die Art des Betens, die mir dort begegnet, ist durch und durch bodenständig. Sie findet in keiner Kirche statt, sondern während der Arbeit. Bauern und Fischer an der rauen Atlantikküste, bei denen das Gebet in alles verwoben ist, was sie tun. Es ist bei allen Entbehrungen auch ein festliches Leben, nicht verbissen fromm oder bitterernst. Das Besondere daran ist, dass es nichts Besonderes sein will. Es sortiert Beten und Handeln nicht auseinander – und nimmt sich eine weitere Aufforderung aus dem Neuen Testament zu Herzen: „Alles, was ihr tut, tut es von Herzen für Gott.“ (Kolosser 3,23)

Das sieht dann so aus: Am Anfang des Tages wird das Herdfeuer, das über Nacht abgedeckt war, wieder entfacht, damit es in der zugigen Hütte warm wird. Dafür gibt es ein eigenes Gebet. Wenn das Feuer brennt und alle ihren Beschäftigungen in Haus und Hof nachgehen, werden die Betten gemacht. Und auch dafür gibt es ein Gebet; Gott und alle Engel sind mit von der Partie:

Ich mache dieses Bett
Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes
Im Namen der Nacht, als wir gezeugt wurden
Im Namen der Nacht, als wir geboren wurden
Im Namen des Tages, als wir getauft wurden
Im Namen jeder Nacht, jedes Tages,
jedes Engels, der im Himmel ist.

Erde, Engel und Himmel, Geburt und Tod, Einschlafen und Aufwachen – alles ist um das Bett versammelt in diesem Gebet. Betten machen wir heute immer noch, das hat sich nicht geändert. Und es gibt andere wiederkehrende Situationen wie diese in meinem Alltag. Zum Beispiel, wenn ich eine vielbefahrene Straße in meinem Viertel überquere. Da stehe ich manchmal ewig an der Ampel für Fußgänger und Radfahrerinnen, während die Autos gefühlt endlos grün haben. Sie fahren und fahren – und fahren – und ich sehe zu, während kostbare Lebenszeit verrinnt. Neulich ist sogar eine Seniorin mit Rollator bei Rot gegangen, weil sie die Geduld verlor. 

An der Ampel sammelt sich ordentlich Zeitstaub an. Und manchmal bin ich wach genug, zu merken: Anstatt ungeduldig nach eine Lücke im Verkehr zu suchen, kann ich auch einfach die Einladung zum Gebet annehmen, die in dieser Situation steckt. 

Also habe ich mein eigenes Alltagsgebet geschrieben: 

Ewiger Gott, Ursprung der Zeit,
Erfinder der Gelassenheit, Ziel aller Wege.
In mir und um mich her staut sich die Ungeduld,
zappelt der Zeitdruck, drängt die Eile.
Du aber lässt dich aufhalten,
lässt uns selbst dann die Vorfahrt,
wenn wir deine Wege durchkreuzen,
statt deinen Spuren zu folgen.
Hier stehe ich –
lass mich erkennen, was mich treibt;
hilf mir ablegen, was mich bremst,
und gib mir den Schwung deiner Liebe,
für den Weg, der heute noch vor mir liegt.

Vielleicht gibt es in Ihrem Alltag, liebe Hörerinnen und Hörer, auch solche wiederkehrenden Platzhalter-Situationen für ein Gebet. Dann können Sie sich dafür ebenfalls ein paar passende Worte ausdenken und die aufschreiben. 

Oder mal ganz auf Worte verzichten. Das kennen wir ja auch aus zwischenmenschlichen Beziehungen: Wenn zwei sich gut verstehen, können sie auch eine Weile schweigen, einander ansehen oder nebeneinander hergehen, ohne dass es sich verkrampft anfühlt.

„Vergnügter als ein König“

Ohne Worte beten – das geht. Ich kann auch mit den Händen beten. Wenn ich was zu tun habe, wenn ich arbeite. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist Bruder Lorenz. Er kam schwer verletzt aus dem Dreißigjährigen Krieg zurück. Ein paar Jahre später tritt er als Laienbruder in ein Karmelitenkloster in Paris ein. Der Abt dort weiß wenig mit ihm anzufangen und schickt ihn in die Küche. Dort kocht Bruder Lorenz jeden Tag für rund 100 Personen – anfangs mit recht überschaubarer Begeisterung. Es wird auch kein Meisterkoch aus ihm. Aber er wird ein Meister darin, Gott im Herzen zu tragen und die alltäglichen Handgriffe mit ganz und gar nicht alltäglicher Liebe zu tun. Er sagt über sich selbst:

„Ich wende meinen kleinen Pfannkuchen in der Pfanne aus Liebe zu Gott um. Wenn er fertig ist und ich nichts mehr zu verrichten habe, so werfe ich mich zur Erde und bete meinen Gott an, von dem mir die Gnade, diesen Pfannkuchen zu machen, gekommen ist, wonach ich mich dann viel vergnügter als ein König wieder aufrichte. Wenn ich nichts anderes kann, ist es mir genug, einen Strohhalm aus Liebe zu Gott von der Erde aufgehoben zu haben.“

Wenn Bruder Lorenz seinen Strohhalm aufhebt, dann betet er mit seinen Händen. Wenn ich eine achtlos weggeworfene Plastikverpackung aufhebe und in den Mülleimer befördere, kann ich das auch, mit den Händen beten. Oder wenn ich ein Blume gieße, mein Fahrrad repariere, auf der Gitarre spiele.

Ich kann auch mit den Füßen beten, zum Beispiel wenn ich am Abend eine Runde spazierengehe. In den Farben der Gärten, im Duft des Flieders, im Wind und der Sonne oder dem Regen auf der Haut, im Summen der Bienen und Zwitschern der Singvögel kitzelt der Schöpfer aller Dinge meine Sinne wach. Und wenn ich beim Gehen nicht in meinen Grübeleien versinke, sondern mich in die Gegenwart des Einen locken lasse, bin ich mitten drin in dem großen Fest des Lebens. So, wie sich beim Gehen meine Lungen mit unsichtbarem Sauerstoff füllen, so durchströmt Dankbarkeit und Heiterkeit das müde und manchmal sorgenschwere Herz.

Es muss nicht die schöne Natur draußen sein. Auch daheim in den Alltagsräumen. Am Küchentisch. Vielleicht, liebe Hörerinnen und Hörer, steht Ihre Kaffeetasse noch vor ihnen auf dem Tisch. Mein persönliches Herdfeuer-Ritual spielt sich rund um den Kaffee ab. Bis der Thermoblock der Espressomaschine aufgeheizt ist, vergeht genug Zeit, um zu beten:

Gott des erwachenden Lebens,
Licht des neuen Tages:
Lass mich wach werden für deine Gegenwart
in allem, was mir heute begegnet.
Lass mich wach bleiben für deine Gerechtigkeit
für das Seufzen derer, die keine Stimme haben in unserer Welt.
Lass mich unermüdlich sehen und sagen,
was die Hoffnung nährt und dem Frieden dient.
In dieser alten und müden Welt
schlägst du täglich eine neue Seite auf
im Buch Deiner Liebe zu uns.
Sende den frischen Wind deines Geistes,
der das befreiende Aroma der neuen Welt verbreitet.
Amen. 

When will I ever learn to live in God? Van Morrison singt von der Sehnsucht, aus dieser innigen Verbindung mit Gott zu leben: In ihm habe ich alles, was ich brauche und mehr. Und alles, was ist, ist in Gott.

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Weltschmerz

Foto von Gabriel Matula auf Unsplash.com

Mitten in einem Text, der auf Englisch geschrieben ist, lese ich das deutsche Wort „Weltschmerz“. Ich stutze. Ist das denn ein typisch deutsches Gefühl? Vielleicht sogar ein echt fränkisches? Der Ausdruck stammt nämlich von dem Schriftsteller Jean Paul – und der war ja Oberfranke. 

Weltschmerz, das ist eine Form von Melancholie und Traurigkeit über den Zustand der Welt, mich selbst eingeschlossen. Über die Kluft zwischen dem, wie es sein könnte, und wie es tatsächlich ist. Über die Tatsache, dass so viel sinnloser Schmerz in der Welt ist.

Auch 200 Jahre nach Jean Paul ist das noch ein Thema. Im Internet finden sich allerlei pragmatische Tipps, wie man den Weltschmerz loswird: Weniger Social Media, kein Doomscrolling, öfter mal Rausgehen, das Unvermeidliche akzeptieren.

Schön und gut, denke ich mir. Aber vielleicht zeigt sich im Weltschmerz ja auch eine tiefe Wahrheit, oder besser: eine Art Sehnsucht nach mehr als nur privatem Glück.

Dann wäre das doch ein schöner Export aus Franken in die weite Welt!

(Foto: Gabriel Matula auf unsplash.com)

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Was der Körper sagt

„Du musst auf deinen Körper hören!“ Ich habe diesen Ratschlag in den Ferien ausprobiert. Am ersten Tag war es grau und kalt. Mein Körper sagte, er möchte auf dem Sofa liegen. Ich war einverstanden, holte einen Kaffee für den Körper und ein Buch für den Kopf. 

Ein paar Tage und viele Kaffees später schaut der Kopf am etwas trägen Körper hinunter und findet, etwas Sport wäre gut. Also krame ich die Laufschuhe heraus für eine lockere Runde um die Felder. 

Nach etwa hundert Metern meldet sich der Körper. Das Knie zwickt und das Sprunggelenk sendet ein Stechen. Im Kopf läuft sofort der Katastrophenfilm: Umkehren, Termin beim Orthopäden in sechs Wochen, Medis und Bein schonen bis zum Spätsommer.

Aber ist es das, was mein Körper mir gerade sagt? Ich mag nicht aufgeben und versuche etwas anderes. Wenn ich das Knie ein bisschen anders strecke und den Fuß ein bisschen anders setze, was sagt der Körper dann? Läuft, sagt der Körper, aber schau mal, wie du alter Faulpelz schnaufst nach so viel Sofa!

(Bild: Tara Glaser auf Unsplash.com)

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Zeitreisende

Eine Gruppe Touristen geht vorbei und ich höre, wie einer von ihnen, schon jenseits der Lebensmitte, gerade sagt: „Wenn ich könnte, würde ich ja zurückgehen in die Vergangenheit.“

Mehr bekomme ich von dem Gespräch nicht mehr mit, aber der eine Satz geht mir noch nach. Das würden im Augenblick ja viele gern machen – die Uhr zurückdrehen auf eine Zeit, in der die Welt noch nicht so kaputt war. 

Welche Zeit genau, ist eigentlich egal. So oder so stellt sich die Frage: Wenn ich in der Zeit zurückginge, was könnte ich dann tun, damit diese Zukunft, aus der ich geflüchtet bin, so nicht eintritt? Ich weiß ja, wie es weiterging. Und damit hätte ich auch eine Verantwortung: Ich könnte nicht rumstehen und sagen: „Wird schon alles gutgehen.“

Alles, was jetzt gerade gut ist, gibt es nur, weil es jemand wichtig genug war, sich dafür einzusetzen. Und auch wenn ich nicht weiß, was kommt: Ich kann heute dafür sorgen, dass möglichst viel Gutes dabei ist.

Segensspuren hinterlassen.

Auch ganz ohne Zeitreise.

(Bild: Frames for your heart auf Unsplash.com)

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Gute Nachbarschaft

Ein Deutscher ist mit dem Auto in Irland unterwegs. Hier und da entdeckt er am Straßenrand gelbe Streifen. Er fragt einen Iren, was die bedeuten. „Da darf man nicht parken“, sagt der. „Ok, gut“, sagt der Deutsche. „Aber neulich habe ich einen doppelten Streifen gesehen. Was bedeutet denn der?“ „Oh,“ sagt der Ire, „da darf man überhaupt nicht parken“.

Bei uns gibt es keine doppelten Streifen am Straßenrand. Aber es gibt die blau-roten runden Verkehrsschilder mit einem oder zwei diagonalen Streifen. Und manchmal noch einen Zusatz wie „Feuerwehrzufahrt“. Dann sollte dann auch dem letzten Träumer klar sein, dass man da überhaupt kein Auto stehen lässt. 

Die Feuerwehreinfahrt für einen großen Wohnblock in meiner Nachbarschaft wird täglich als praktische Kurzzeitparkzone genutzt. Nicht wenige genehmigen sich das und denken: „Nur ein paar Minuten. Wird schon schiefgehen.“

Der Anblick ist so alltäglich, dass sich alle daran gewöhnt haben. Aber an manche Dinge sollten wir uns besser nicht gewöhnen. Natürlich sind Regeln für die Menschen da und nicht umgekehrt. Aber genau deswegen sollte es nicht passieren, dass die Bequemlichkeit und Wurstigkeit eines einzelnen in so einem Moment die Sicherheit vieler gefährdet.

Gute Nachbarschaft stelle ich mir jedenfalls anders vor.

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Vier Jahre 

Heute vor vier Jahren rollten die ersten russischen Panzer über die ukrainische Grenze, Bomben fielen auf Kindergärten und Kliniken, Brücken und Kraftwerke wurden und werden zerstört. Deswegen sind meine Gedanken heute bei den Menschen in Kijiv und Charkiv, in Odessa und Lwiw.

Bei allen, die Väter oder Söhne, Mütter oder Töchter verloren haben. Oder Nachbarn, Freundinnen und Kollegen. Bei allen, die in drückender Dunkelheit und bitterer Kälte ausharren und auch noch anderen helfen, die das selbst nicht mehr können. 

Wie schwer waren die paar Wochen und Monate Corona-Lockdown für uns. Wie viel schwerer ist das, was die Ukrainer:innen erleben: Vier Jahre Angst, Zerstörung, geraubte Zukunft, vier Jahre warme Worte und maue Hilfe aus dem Westen. 

Ich weiß, es gibt gerade sehr viele schlimme Nachrichten und ich kann gar nicht alles an mich heranlassen. Aber heute, heute darf es mir wehtun und mich beschweren. Und morgen vielleicht nochmal. Denn der erste Schritt, das Leid zu beenden, ist es anzuerkennen. Dass ich hinsehe und zuhöre und Anteil nehme. Und viele andere hoffentlich auch. Wenigstens für einen ausgiebigen Augenblick.

Foto: Max Kukurudziak auf Unsplash.com

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Naturverbundenheit und Spiritualität

Wie naturverbunden sind wir Menschen, und wie unterscheidet sich das von einem Land zum anderen? Wissenschaftler:innen haben das untersucht. Nepal führt die Liste an, es folgt der Iran – was ich schon überraschend fand (die Erklärung der Forschenden folgt unten). Kroatien und Bulgarien schaffen es als einzige europäische Länder in die Top Ten.

Am Ende der Liste von 61 Ländern, in den Bottom Ten quasi, finden sich deutlich mehr Europäer: In absteigendender Reihenfolge stehen da Russland, Irland, Großbritannien, die Niederlande, Deutschland und, ganz unten, Spanien. Wer hätte das gedacht. Wir sind längst nicht so grün, wie wir denken (oder wie manche so lauthals beklagen). Wie Frank Adler letzte Woche schrieb: Das grüne Jahrzehnt ist vorbei. Naturverbundenheit und -schutz wird aus „Kostengründen“ zusammengestrichen. Die Folgen für das Wohlbefinden werden nicht ausbleiben.

Der Guardian schreibt dazu: "Naturverbundenheit ist ein psychologisches Konzept, das erforscht, wie eng die Beziehung eines Individuums zu anderen Spezies ist. Studien haben herausgefunden, dass Menschen mit einer hochgradigen  Naturverbundenheit ein größeres Wohlbefinden genießen und sich mit größerer Wahrscheinlichkeit umweltfreundlich verhalten. Ein geringes Maß an Naturverbundenheit erwies sich – neben der Ungleichheit und dem Vorrang des materiellen Gewinns einzelner  – als eine von drei Ursachen für den Verlust von Biodiversität."

Warum der Perspektivwechsel so zäh voranschreitet

Der Befund erklärt, warum Klima-, Umwelt- und Artenschutz bei uns politisch so schwer durchzusetzen sind: Wohlstand ist bei uns ausschließlich finanziell, materiell und quantitativ definiert. Die Interessen der Wirtschaft (sprich: die Vermehrung von Kapital) haben in der Regel Vorfahrt. Dass es bei uns und z.B. auch im Vereinigten Königreich viele Projekte und Initiativen zum Naturschutz gibt, ändert auch nichts an der schlechten Bilanz.

Interessant und diskussionswürdig fällt die Ursachenforschung der Autor:innen aus: Spiritualität und Religiosität werden als Schlüsselfaktor dafür genannt, dass Menschen eine Verbindung zu ihren Mitgeschöpfen empfinden und sich in ihrem Handeln davon beeinflussen lassen. Das gilt für ganz unterschiedliche Religionen. „Konfessionelle“ Unterschiede (Protestanten/Katholiken/Orthodoxe bzw. Schiiten/Sunniten) werden dabei nicht untersucht, auch nicht der drittletzte Platz des Staates Israel – das alles wäre sicher noch spannend.

Sacred Urban Nature

Ein Kulturwandel ist erforderlich, sagt Professor Miles Richardson von der Universität Derby dazu im Guardian. Nicht nur, um die gefährdete Natur zu retten, sondern um der inneren und äußeren Gesundheit der Menschen willen. Nicht nur das Verhalten muss sich ändern, sondern das Fühlen, Empfinden und der Blick auf uns selbst und unser Verhältnis zu allem, was lebt – allem, was keine Maschine ist. Richardson fragt daher: „How do you create sacred urban nature? It’s easy to build a park but it needs to go deeper than that.“ Grünanlagen allein reichen

Bischof Graham Usher aus Norwich, der Heimat von Dame Julian, umweltpolitischer Sprecher der Church of England, verweist auf Jesusworte zu Lilien auf dem Feld und Vögeln am Himmel und auf die heilsame Wirkung von Naturerleben, auf Waldkindergärten und Wild Church.

Erheblicher Nachholbedarf

So weit, so richtig. Aber weder der Bischof noch der Guardian thematisieren die jahrhundertelange Komplizenschaft christlicher Theologie und Akteure bei der neuzeitlichen Objektivierung, Plünderung und Ausbeutung der Natur durch Mensch und Kapital.

Dieser Nachholbedarf besteht auch (und vielleicht erst Recht) bei uns Evangelischen in Deutschland. In den letzten Wochen habe ich immer wieder mal Menschen in kirchlicher Führungsverantwortung gefragt, ob mein Eindruck stimmt, dass unsere Haltung und unsere Aussagen zur Demokratiekrise viel klarer und engagierter ausfallen als zur Klimakatastrophe und zum Artensterben. Niemand hat widersprochen. Vor Kritik an einer Wirtschaft und einer Politik, die aggressiv unsere Lebensgrundlagen zerstört, scheuen unsere Pressestellen und Repräsentanten immer noch ängstlich zurück. Wenn sie die Notwendigkeit überhaupt anerkennen. Und auch in den Kirchen ist Natur- und Klimaschutz aus Kostengründen oft massiv eingeschränkt.

Dabei wäre ein entschiedenes Eintreten für einen Bewusstseinswandel genauso wichtig wie die Positionierung gegen Rechts. Dass es so oft ausbleibt, ist auch ein Anzeichen für ein spirituelles Defizit.

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Tag der Schwertschlucker

Ihr wusstet das alle bestimmt, ich hab’s gerade erst entdeckt: Der 23. Februar ist der „Tag der Schwertschlucker“. Unter all den anderen Gedenktagen schillert er irgendwie übermütig heraus. 

Wären nicht gerade Ferien gewesen, ich hätte meine Grundschüler gern gefragt, wer weiß, was ein Schwertschlucker ist. Vielleicht dient das Gedenken ja dazu: diese seltene Kunst vor dem Vergessen zu bewahren.

Vielleicht brauchen wir den Tag auch, weil Schwertschlucken keine ganz ungefährliche Sache ist und deshalb am Aussterben. Oder weil die Versicherungsprämien der Schwertschlucker inzwischen so hoch sind, dass es sich nicht mehr lohnt? Seit ich darüber nachdenke, spüre ich jedenfalls schon ein leichtes Kratzen im Hals.

Heute ziehe ich meinen Hut vor allen Schwertschlucker:innen. Außer Schaukämpfe, die auch niemanden verletzen, gibt es wenig Sinnvolleres, was man mit einem Schwert anfangen kann.

Vielleicht kommt in den nächsten Jahren der Tag der Drohnenschlucker oder der Streubombenlutscher noch dazu?

Das wäre doch ein gutes Zeichen!

Foto: Jonathan Kemper via unsplash.com

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Spatzenhirne

Selbstfahrende Autos. Seit Jahren wird das angekündigt, erprobt, ausgewertet. Bald soll es so weit sein, heißt es. Ich schaue auf die Straße und stelle mir vor, wie es dann wohl zugeht. Vielleicht ja weniger impulsiv und aggressiv, das wäre schön. Und alle Beschwipsten und Bekifften kämen sicher von A nach B.

Aber erst müssen die Sensoren noch besser werden. Die KI muss noch dazu lernen. Die Bordcomputer brauchen mehr Rechenleistung. Dann klappt’s bestimmt.

Ein Schwarm Spatzen fliegt vorbei. Sie zischen pfeilschnell durch kleine und kleinste Lücken im Gebüsch. Sie stoßen auch im Schwarm nicht zusammen und ecken nirgends an. Schon krass, denke ich mir, was so ein Spatzenhirn leistet. 

In meinem Menschenhirn formt sich ein Gedanke: Wie kommt es, dass uns die KI, die wir geschaffen haben, offenbar so viel mehr fasziniert als das, was Gottes Geschöpfe so alles drauf haben? Immerhin gehören wir selbst ja auch zu diesen wundersamen Wesen. Vielleicht sollte ich aufhören, das als selbstverständlich zu betrachten.

(Foto von P A auf unsplash.com)

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